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Sunday, 04. February 2007

 
 

Das bayerische Perronsignal

von Tobias Frydman

Station Gersthofen um 1900, mit zweiflügligem Perronsignal und freistehender Weichencentrierung (Quelle VM Nürnberg)

 Einleitung

Aus gegebenem Anlaß, sprich der Ankündigung daß ich über den Vertriebskanal Finescale4all (www.finescale4all.com ) Bausatzvarianten dieses Signals in Spur H0 anbieten werde, erreichten mich Fragen zu diesem Signal. Ich gebe zu, ich war ziemlich überrascht über diese Fragen, war ich doch bisher davon ausgegangen daß der Länderbahnfan im Allgemeinen und der „Bayerische“ im besonderen dieses typisch bayerische Länderbahnsignal kennen würden. Ich habe dann mal schnell in Google „Perronsignal“ eingegeben und war baff wie wenig dazu auf dem Internet zu finden ist.  Ich will deshalb die Gelegenheit nutzen und eine kurze Abhandlung zu meinem Lieblingssignal geben, ohne Anspruch auf Vollständigkeit und des Besitzes der absoluten Wahrheit, will sagen, wer bessere oder andere/zusätzliche Informationen zu diesem Signal hat, den lade ich herzlich zum Kommentar und Ergänzung ein.

  1. Das bayerische Signalwesen – eine Kurzfassung

Das erste bayerische Signalbuch wurde 1844 zunächst nur für die Privatbahn München – Augsburg herausgegeben. Es umfasste 13 Seiten und 14 Signale und zwar sieben Signale der Bahnwärter, vier Signale der Lokomotivführer und drei Signale des Kondukteurs (eine ausführliche Beschreibung dieser Signale sind im Zintl – siehe Quellen, zu finden). 1851 wurden die ersten optischen Telegraphen in Bayern bei den Bahnwärtern aufgestellt, die aus einem Mast und zwei Signalflügel bestanden. 1853 gab es dann bereits 800 solcher Telegraphen, dann hielt die Elektrik Einzug in das bayerische Signalwesen. 1855 wurde der erste Morsetelegraph eingesetzt und 1865 folgten die wesentlich zuverlässigeren elektrischen Läutewerke. 1870 folgten dann die ersten Weichensignale der Königlich Bayerischen Staatseisenbahnen und 1876 dann die ersten Mastsignale in den Bahnhöfen, die Bahnhofstelegraphen. In der bayerischen Signalordnung von 1876 finden sich erstmals sogenannte Bahnhofsabschlußtelegraphen (also Einfahrsignale), 1881 kamen die Ausfahrsignale dazu. Das erste bayerische Vorsignal wurde 1887 in Betrieb gestellt, ihm folgte 1893 das erste Blocksignal sowie das typisch bayerische „Ruhesignal“. Seit 1893 war die Signalfarbe für freie Fahrt übrigens „weiss“, „grün“ war für Langsamfahrt, „rot“ für Halt und „blau“ für Ruhe.

Erst 1920 wurden in Bayern zweiflügelige Hauptsignale eingeführt, allerdings nie dreiflügelige. Zu beachten ist hier daß es sich hierbei um zwei Flügel für eine Richtung handelt, also nicht die Gesamtanzahl der Flügel an einem Signalmast! 1922 wurden die Signalfarben wieder geändert und „grün“ wurde Fahrt, „signalgelb“ wurde Langsamfahrt, „rot“ und „blau“ blieben gleichbesetzt. 1923 erschien letztmalig ein bayerisches Signalbuch, im Signalbuch der DRG von 1935 wurden aber noch abweichende (bayerische) Signale dokumentiert.

  1. Das Perronsignal

Wie weiter oben erwähnt wurde, wurden in Bayern 1876 die ersten Semaphoren (=Zeichenträger) in den Stationen aufgestellt und zwar mittig vor dem Stationsgebäude auf dem Perron (=Bahnsteig).  Hiervon leitet sich also der Name „Perronsignal“ ab, welcher in der Signalordnung der Königlich Bayerischen Staatseisenbahnen vom 1.9. 1893 so dokumentiert wurde. Der Signalarm war typischerweise löffelartig und mit Lamellen ausgerüstet. Die Signalstellung war zunächst wie folgt:

-         waagrechter Signalarm, bzw. nachts rotes Signallicht: Der Zug hatte in der Station zu halten;

-         schräg nach oben zeigender Signalarm, bzw. nachts grünes Signallicht bedeutete dem Zugführer daß der Zug durchfahren durfte.

Ab 1893 wurde dann auch das Ruhesignal angezeigt und zwar durch einen senkrechts hängenden Signalarm oder nachts blaues Licht.

Beim einflügeligen Perronsignal war die Nachtbeleuchtung des Signalarms von hinten bei waagrechtem Arm „grün“  und bei schräg nach oben zeigenden Arm „weiss“.

Wurde an einem Signalmast ein zweiter Signalarm angebracht (Zintl erwähnt in seinem Buch auch mehr als zwei Signalarme, es gibt eine mit bekannte Abbildung des Bahnhofs Regensburg (Quelle Verkehrsmuseum Nürnberg)  an dem vier Signalarme sichtbar sind, allerdings steht das Signal nicht mittig vor dem Betriebsgebäude sondern auf einem mittleren Bahnsteig!) dann galten für jede Fahrtrichtung jeweils nur die Signale des von der Zugrichtung aus gesehenen rechtseitigen Signalarm. Bei der Konstruktion des zweiflügeligen Perronsignals zeigte sich auch die Sparsamkeit der bayerischen Staatseisenbahn: Trotz der beiden Flügel hatte das Signal lediglich eine Signallampe. Hierdurch wurden Kosten gespart aber auch Zeit bei der Nachtbeleuchtung!

1893 wurde in Bayern auch erstmalig am Hauptsignal zwischen Fahrt frei mit „ungeminderter Geschwindigkeit“ und mit „geminderter Geschwindigkeit“ (Langsamfahrt) unterschieden. Am Perronsignal war das wie folgt implementiert:

-         freie Fahrt mit ungeminderter Geschwindigkeit durch schräg nach oben zeigendem Signalflügel, nachts mit einem „weissen“ Licht

-         Langsamfahrt wurde durch eine runde grüne Scheibe mit weissem Mittelfeld und weissem Rand geboten, die unter dem Signalflügel auf mindestens 4 Meter Höhe hing, nachts mit einem „grünen“ Licht.

Das Langsamfahrtsignal wurde übrigens gegeben wenn „über nicht centralisierte Spitzweichen oder über Ablenkungen aus dem Hauptgeleise (Weichenkurve) gefahren wurde. Für Personenzüge waren 45 km/h, für Güterzüge 30 km/h  Geschwindigkeit zugelassen.

Noch kurz zum Mast. Dieser bestand in der Regel aus gegossenem Vollmetall (also kein Zorresmast!), aber es sind Abbildungen bekannt in dem das Perronsignal Gittermäste besaß, wie z.B. zu sehen im Bayern Report Nr. 3, Gleispläne und Streckengeschichten, Seite 43, Bahnhof Altenstadt. Übrigens ein Tip: in dieser Ausgabe des Bayern Reports sind jede Menge Perronsignale aus der Periode bis ca 1902  abgebildet!

Ab 1881 wurden in Bayern mit der Einrichtung von Stellwerken Ausfahrsignale eingeführt. Sie ersetzten Zug um Zug die Perronsignale, jedoch ist aus zahlreichen Abbildung um 1902 zu sehen daß die meisten Stationen noch immer Perronsignale führten. Es kann davon ausgegangen werden daß es diverse Mischformen der unterschiedlichen Hauptsignale bis zum Ende der K.Bay.Sts.B. gab.  

Abschliessend noch kurz zur Farbgebung der Perronsignale: Der Signalmast wurde im Vorbild dreimal mit silbergrauer Diamantfarbe gestrichen, der Flügel im vorderen „Löffel“ mit roter und hinten mit weisser Ölfarbe gestrichen. Es gibt aber auch Abbildungen mit dem Löffelflügel der ganz rot gestrichen ist und nur mittig einen weißen Streifen hat, ähnlich den späteren Hauptsignalflügel mit der Flügelspitze. Alle sonstigen Eisenteile dreimal mit schwarzer Ölfarbe.

Soweit die kurze Abhandlung zum Vorbild des Perronsignals. Ich hoffe daß damit die große Bedeutung des scheinbar etwas vergessenen Perronsignals in Bayern etwas deutlicher wird. Es wäre natürlich interessant noch mehr zur tatsächlichen Nutzung des Perronsignals nach Einführung der Bahnhofsabschlußtelegraphen und der Ausfahrsignale bzw der Zentralisierung der Weichen einer Station zu erfahren. Leider sind auch keine konkreten Informationen zur exakten Aufstellung der jeweiligen Ausfahr- und Bahnhofabschlußsignale bekannt. Möglicherweise (und das würde auch Sinn ergeben) ist dies Stationsabhängig und lassen sich aus Vorbildgleisplänen genaue Rückschlüße ziehen.

 

3.      Die Umsetzung ins Modell

 

Auch dieses Projekt, wie so manch andere des LBF ist aus der Not entstanden. Seit vielen Jahren warte ich darauf daß sich jemand aus dem Kreis der einschlägigen Kleinserienhersteller des Themas annimmt. Zwar gibt es jede Menge (mehr oder weniger exakte) Modellnachbildungen der späteren bayerischen Hauptsignale (Weinert hat z.B. schöne Bausätze, desweiteren bieten Brawa und Viessmann ebensolche fertig an), aber das wohl typischte bayerische Hauptsignal, dass „Perronsignal“ hat es bisher im Modell nicht gegeben.

Deshalb habe ich mich Ende 2006 an den PC gesetzt und angefangen die Originalzeichnungen ins Modell um zu setzen. Für den wenig (nicht) geübten technischen Zeichner war das eine tolle Herausforderung und Erfahrung. Wer will, dem kann ich meine gesammelten Datenfiles hierzu zeigen mit meinen ersten Umsetzungsversuchen, alles ist dank automatischer Sicherungskopien meines Zeichenprogramms bestens „dokumentiert“. Ich hoffe daß es beim nächsten Mal einfacher geht!

Es wird vier Bausatzvarianten des Perronsignals geben und zwar 1-flügelig ohne/mit Ruhesignalstellung und zweiflügelig ohne/mit Ruhesignalstellung. Genaue Preis- und Lieferinformationen folgen bis ca Mitte Februar 2007.

In Kürze wird es Bilder vom Prototypen geben. Sollte alles beim Zusammenbau des Prototypen/Handmuster funktionieren (davon gehe ich als Optimist aber aus) kann die „Massenproduktion“ beginnen und dann sind die Bausätze sehr kurzfristig lieferbar. Der Bausatz besteht aus einem Mast aus Metallfeinguß, die weiteren Bauteile sind geätzte Messing- und/oder Neusilberteile. Das Modell ist beleuchtet und gibt die entsprechende Signalfarbgebung wieder. Ich habe versucht den Bausatz so zu konstruieren daß ich ihn auch zusammen bekomme, damit ist gewährleistet daß auch jeder andere Interessent den Zusammenbau schaffen kann (man muß seine eigenen Grenzen kennen!). Natürlich wird eine Bauanleitung mitgeliefert.

Quellen

-         Bayerische Signale und Stellwerke, Robert Zintl, Motorbuch Verlag Stuttgart

-         Bayerische Eisenbahnen, Horst Weigelt, Motorbuch Verlag Stuttgart 1982

-         Die Kgl. Bayerischen Staatseisenbahnen, Hugo Marggraff, Kohlhammer edition

-         Bayern Report, diverse, Eisenbahn Journal Archiv, Hermann Merker Verlag

-         Unterlagen des Autors